Organisation

Susanne Frank,

Klugen Köpfen eine Zukunft bieten

Nur wer Mitarbeiter aus- und weiterbildet, schafft es aus eigener Kraft, dem Fachkräftemangel am Bau zu trotzen. Eine Alternative zum herkömmlichen universitären Studium des Bauingenieurwesens ist das sogenannte duale Studium, das sich in den vergangenen Jahren zunehmender Beliebtheit erfreut. 

Die Besetzung neuer Stellen dauert in einigen Bauberufen mit 3 Monaten merklich länger als im Durchschnitt aller Branchen mit 2,5 Monaten. Dies gilt insbesondere für neu gemeldete offene Stellen für Bauingenieure, die nur schwer zu besetzen sind.

Da verwundert es nicht, dass immer mehr Baubetriebe auf ein duales Studium zur Fachkräftegewinnung setzen. Dabei durchlaufen die Nachwuchskräfte gleichzeitig neben dem theoretischen Studienteil an der Fachhochschule oder Universität eine praktische Ausbildung in einem Unternehmen.

Zum einen eröffnen sich Bauunternehmen die Möglichkeit, Arbeitskräfte im Rahmen der praktischen Ausbildung bereits frühzeitig an sich zu binden und somit dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Zum anderen bietet das den Absolventen die Möglichkeit, bereits während des Studiums intensiv praktische Erfahrungen zu sammeln, aber auch Geld zu verdienen.

Die Zahl der Studienanfänger in dualen Studiengängen hat sich allein zwischen 2006 und 2008 von 2.600 auf 14.000 Studenten mehr als verfünffacht und ist damit stärker gestiegen als in herkömmlichen Studiengängen, wenngleich auch die niedrige Ausgangsbasis eine Rolle spielt.

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Dabei wächst das Bauingenieurwesen überdurchschnittlich: Seit 2004 ist die Zahl der dualen Bauingenieurstudiengänge um rund 150 % gestiegen, die aller dualen Studiengänge lediglich um 80 %.

Allein im vergangenen Jahr hat die Anzahl dualer Studiengänge im Bauingenieurwesen um 16 % zugenommen. Das Bauingenieurwesen stellt damit im Moment den sechsthäufigsten dualen Studiengang dar. Parallel dazu ist die Zahl der Studienanfänger gestiegen, im Vergleich mit Studienanfängern im Wirtschaftsingenieurwesen sogar stärker.

„Am Samstag war Abiball und am Montag stand ich schon auf der Baustelle“, erinnert sich die 19-jährige Conny Schwarz. Während sich ihre Schulfreundinnen nach dem Abistress erst einmal eine Auszeit gegönnt haben, wollte sie gleich mit der Ausbildung loslegen.

Mit ihrem Notenschnitt von 1,3 hätte Conny alles Mögliche studieren können. Für sie aber kam nur eins infrage: Bauingenieurin. „Mich hat das Thema Bauen schon immer fasziniert. Genau so was wollte ich auch machen“, erklärt sie ihren Entschluss für das duale Studium „Bauingenieurin Plus“.

Ein Ziel, das sie schon früh vor Augen hatte. Conny Schwarz ist quasi aufgewachsen zwischen Baugerüsten und Baumaschinen. Ihr Vater hatte früher eine eigene Baufirma. Später arbeitete er als verantwortlicher Polier im Auftrag einer großen Bauunternehmung im Ausland.

In den Ferien hat ihn die Tochter auf den Baustellen besucht und bei der ­Brückensanierung zugeschaut. Es folgte ein Praktikum in einem Architekturbüro. „Ich wollte kreativ arbeiten, aber das war wenig praxisnah. Mir fehlte das Baustellenfeeling“, bemängelt Conny Schwarz.

Die Schnupperwochen in einem mittelständischen Baubetrieb entsprachen da schon eher ihrem Geschmack. Hier konnte man sehen, was man geleistet hat. Letztlich entschied sich die 19-Jährige nach dem Abitur aber doch für einen großen Engineering- und Service-Konzern mit mehreren Baudivisionen.

Bei der Bilfinger Regiobau GmbH in Freiburg absolviert Conny Schwarz seit einem halben Jahr ihren praxisnahen dualen Studiengang als Bauingenieurin Plus und ist voller Energie: „Ich bin derzeit zwar regional im Einsatz und werde sicher auch noch einige Jahre hier bleiben. Aber unser Mutterkonzern ist weltweit tätig“, schwärmt die angehende Bauingenieurin von den tolle Perspektiven ihres Arbeitgebers.

Zurzeit jedoch stehen die Ausbildung als Beton- und Stahlbetonbauerin sowie parallel das Bauingenieurstudium an der Hochschule Biberach im Vordergrund. Die baugewerbliche Lehre im Unternehmen und im überbetrieblichen Ausbildungszentrum erfolgt jeweils zeitversetzt zwischen den einzelnen Studiensemestern.

Vorteil bei dieser Kombination: Man hat nach 5 Jahren gleich 2 Abschlüsse in der Tasche – den Gesellenbrief in dem erlernten Bauberuf sowie den Abschluss als Bachelor of Engineering (Bauingenieurwesen). „Die Bauunternehmen suchen immer öfter Führungskräfte, die bereits nach dem Studium aus eigener Erfahrung die praktischen Abläufe bzw. Arbeiten auf einer Baustelle kennen und nicht nur reine Theoretiker sind. Außerdem hat man so von Anfang an Kontakt zu seiner späteren Firma“, lauten weitere Pluspunkte der Ausbildung für Conny Schwarz.

Diese Praxiserfahrung im Betrieb weiß die junge Studentin außerordentlich zu schätzen. Sie baut Schalungen, biegt Eisen und betoniert Wände, ganz so wie ihre männlichen Kollegen. Eine Extrabehandlung will sie nicht, auch wenn sie später eher in der Bauleitung arbeitet und Schnittstelle sein wird zwischen Bauplanung und -umsetzung. In dieser Funktion hat sie in der Regel mehrere Baustellen gleichzeitig zu betreuen und ist Ansprechpartnerin für Poliere sowie für Nachunternehmer und Bauherren.

Nicht zuletzt durch ihre praktische Ausbildung hat Conny Schwarz bereits jetzt großen Respekt vor den altgedienten Baufacharbeitern: „Das ist anspruchsvolle, manchmal auch anstrengende Arbeit. Man steht bei jedem Wetter draußen und nicht immer läuft alles nach Plan. Dann muss man flexibel sein und auch mal improvisieren können“, sagt sie anerkennend.

Die Arbeit am Bau macht ihr „viel Spaß“ und sie ist „stolz, an etwas mitzuarbeiten, das noch in 50 Jahren steht“. Dies geht so weit, dass sie von einer emotionalen Bindung zu dem Bauwerk spricht.

Eine Faszination, die nicht alle in ihrem Umfeld teilen können. Für Connys Familie und ihre Freunde war es zwar immer klar, dass ihre berufliche Zukunft beim Bau sein wird. Andere dagegen reagieren angesichts der eher zierlichen Frau oft mit Erstaunen. „Da gibt es viele Vorurteile, da die meisten Baustellen eben nur von außen betrachten. Sie wissen nicht, wie viel Denkleistung dahintersteckt – sei es beim Planen, Vermessen oder Berechnen“, gibt sie zu bedenken.

Nach einem Dreivierteljahr praktischer Ausbildung im Betrieb und im Ausbildungszentrum beginnt für die angehende Bauingenieurin das erste Studiensemester. Dann stehen Fächer wie Mathematik, Statik und Baustoffkunde auf dem Plan.

Während des kompletten dualen Studiums wird eine Vergütung bezahlt. Man muss also nicht nebenher kellnern oder am Fließband stehen, um sich sein Studium zu finanzieren. Für Conny Schwarz ein weiterer Vorteil, der für diesen Studiengang spricht.

„Eine gute Abschlussprüfung als Beton- und Stahlbetonbauerin. Dann natürlich ein mindestens ebenso guter Studienabschluss als Bauingenieurin und nach einigen Praxisjahren in Deutschland ab ins Ausland“, lauten die Zukunftspläne von Conny Schwarz.

Für Bauunternehmen und Studenten ergeben sich durch das duale Studium mehrere Vorteile. Studenten profitieren von der starken Praxisorientierung des dualen Studiums und der frühen Bindung an ein Bauunternehmen.

Darüber hinaus scheint im Gegensatz zum herkömmlichen Unistudium das „Frustpotenzial“ im dualen Studium deutlich geringer zu sein, zumindest gilt dies für die Abbruchquoten an Fachhochschulen (35 % gegenüber 50 % an Universitäten).

Neben der Mitarbeiterbindung besteht für die Baubetriebe ein zusätzlicher Vorteil in der Förderung durch SOKA-BAU. Grundsätzlich werden duale Studiengänge gefördert, die gleichzeitig auch einen Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf vermitteln.

Die Förderung, die auf der Grundlage des für allgemeinverbindlich erklärten Tarifvertrages über die Berufsausbildung im Baugewerbe (BBTV) erfolgt, besteht in der teilweisen Erstattung der Ausbildungsvergütung sowie der Übernahme der Kosten für die überbetriebliche Ausbildung. Mit der Förderung des dualen Studiums wird dem erhöhten Bedarf der Betriebe an qualifiziertem Fachpersonal Rechnung getragen.

Angesichts der Vorteile des dualen Studiums sollten Unternehmen – gemeinsam mit ihren Beschäftigten oder im Zuge von Neueinstellungen – auch diese Option nutzen, um „demografiefest“ zu werden.

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