Nachhaltigkeit

Dr. Christine Lemaitre,

Bauen mit Klimaschutz im Blick

Nachhaltigkeit hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einem Randthema zu einem gewichtigen Faktor in der Bau- und Immobilienwirtschaft entwickelt. Mehr als jede fünfte neue Gewerbeimmobilie wird in Deutschland inzwischen unter Nachhaltigkeitsaspekten geplant, gebaut und zertifiziert. Doch wie bewertet man eigentlich den Grad der Nachhaltigkeit und wie wichtig ist eine Zertifizierung? Eine Gesamtbetrachtung.

Die DGNB hat Anfang 2019 einen Report über die Circular Economy veröffentlicht, der kostenlos über die Website des Vereins heruntergeladen werden kann. © DGNB

Schon heute liegt das Transaktionsvolumen der Green Buildings bei fast 8 Milliarden Euro. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, kurz DGNB, trägt zu dieser dynamischen Entwicklung entscheidend bei. Der Verein ist mit rund 1.200 Mitgliedsorganisationen aus allen Bereichen des Bau- und Immobiliensektors Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Zugleich ist es die Organisation hinter dem gleichnamigen Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude, Innenräume und Quartiere, das bereits von fast 5.000 Projekten in gut 30 Ländern erfolgreich angewandt wurde.

Nicht nur Öko
Das Nachhaltigkeitsverständnis der DGNB, das der Zertifizierung zugrunde liegt, geht dabei weit über die eindimensionale Betrachtung von Ökologie- und Energieeffizienzthemen hinaus. Geringe CO2-Emissionen bei Errichtung und Betrieb, umweltschonend gewonnene Rohstoffe und die Schad- und Risikostofffreiheit der eingesetzten Materialien und Bauprodukte sind wichtig, aber eben auch nicht alles. Wer, wie die DGNB, Nachhaltigkeit mit Qualität und Zukunftsfähigkeit übersetzt, der muss weit mehr Aspekte berücksichtigen und sich mit den impliziten Zielkonflikten, die die Projekt individualität und Themen vielfalt mit sich bringt, aktiv auseinander setzen. Ökonomische Faktoren wie die Kosten über den gesamten Lebenszyklus oder die Flexibilität und Umnutzungsfähigkeit des Bauwerks beispielsweise. Oder Themen, die den Mensch als späteren Nutzer adressieren und dessen Gesundheit und Wohlbefinden in den Gebäuden fördern. Dazu zählen etwa eine hervorragende Innenraumluftqualität, eine gute Akustik, der intelligente Einsatz von Tageslicht und ein hoher thermischer Komfort.

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Der ganzheitliche Nachhaltigkeitsansatz der DGNB-Zertifizierung umfasst sechs Themenfelder. © DGNB

37 Kriterien…
Insgesamt 37 Kriterien umfasst das Zertifizierungssystem der DGNB in seiner aktuellen Version. Seinen Wert als Optimierungsund Planungstool bekommt es dann, wenn es im Sinne einer integralen Planung schon in einer frühen Projektphase zum Einsatz kommt und die relevanten am Bau beteiligten Akteure auf gemeinsame, positive Ziele vereinigt. So kann es gelingen, ganzheitliche und vorausschauende Entscheidungen zu treffen, die die Qualität eines Projekts nachweislich erhöhen. Die Zertifizierung kann dabei wesentlich zur Kostensenkung und Risikominierung beitragen, indem zum Beispiel teure Sanierungs- oder Umbaumaßnahmen präventiv umgangen werden.

Fokus auf den Gesamtprozess
Nicht nur Bauherren, Architekten und Planer spielen für die Nachhaltigkeitsqualität eine entscheidende Rolle. Alle Akteure der Wertschöpfungskette des Bauens sind wichtig, gerade auch die Bauausführenden. Denn nur, wenn es gelingt, die Qualität vom ersten Planungsstrich bis zur Inbetriebnahme umzusetzen und sicherzustellen, kann eine Zertifizierung einen echten Mehrwert für das Gebäude leisten. Kriterien, die hier ansetzen, sind der so genannten Prozessqualität bei der DGNB zugeordnet. Dazu gehört unter anderem das Kriterium „Baustelle/Bauprozess“. Bei diesem wird positiv bewertet, wenn es sich um eine lärm-, staub- und abfallarme Baustelle handelt, bei dem auch ein Boden- und Grundwasserschutzkonzept umgesetzt wird. Belohnt wird dabei, wenn die relevanten Gewerke durch den Bauausführenden entsprechend geschult und eingewiesen werden. Ein weiteres Kriterium beschäftigt sich mit der „Qualitätssicherung der Bauausführung“. Auf Grundlage eines Qualitätssicherungsplans müssen hierbei Messungen zur Qualitätskontrolle erfolgen, um Punkte im Rahmen der Zertifizierung zu erhalten. Dabei geht es unter anderem um die Durchführung einer Differenzdruckmessung im nicht-ausgebauten Zustand, eine Thermographiemessung oder Messungen der Nachhallzeit.

Mehr als 30 Kriterien gehen in die Bewertung bei der DGNB-Zertifizierung für Neubauten mit ein. © DGNB

Im Gegensatz zu anderen Bewertungssystemen ist das DGNB-System wirkungsorientiert. Anstatt einzelne Maßnahmen unabhängig vom baulichen Kontext zu belohnen, wird deren Beitrag zur Gebäudeperformance geprüft. Dies erlaubt einen großen Freiraum in der Suche nach innovativen Lösungen, erfordert aber auch eine gewisse Fachexpertise. Deshalb muss eine Zertifizierung immer durch einen qualifizierten DGNB-Auditor begleitet werden. Dieser wird vom Bauherrn beauftragt, er begleitet alle Phasen des Zertifizierungsprozesses und ist verantwortlich für die entsprechende Dokumentation.

Weil die Ressourcen knapper werden: Circular Economy im Blick
Grundsätzlich betrachtet die DGNB-Zertifizierung den gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts – im Hinblick auf die Umweltwirkungen und Ressourcenverbräuche, genauso wie in Bezug auf die Kosten. Das heißt: Der Betrachtungshorizont endet nicht mit Abschluss der Bauphase, sondern bezieht den Betrieb, die Instandhaltung und den Rückbau mit ein. Ein Thema, das der DGNB entsprechend wichtig ist, ist der Umgang mit den eingesetzten Ressourcen im Sinne einer Circular Economy. Die DGNB hat es in der Zertifizierung zu einem von sechs Kernthemen gemacht und belohnt in Form von Bonuspunkten all jene Projekte, die hier gezielt mehr machen und neue Wege beschreiten.

Autorin: Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. © DGNB

Welche Dimension das Thema Circular Economy im Bauwesen annehmen kann, verdeutlicht die Statistik zum deutschen Abfallaufkommen: Im Jahr 2016 wog die Menge des Bau- und Abbruchmülls rund 223 Millionen Tonnen. Das entsprach 54 Prozent des gesamten Abfallaufkommens hierzulande. In Zeiten knapper werdender Ressourcen ist klar: Auch aus ökonomischer Sicht wird sich über kurz oder lang die Haltung durchsetzen, ein Gebäude nach dessen Lebensende nicht einfach zu entsorgen, sondern als Rohstoffquelle in Betracht zu ziehen.

Fazit
Die verschiedenen Akteure der Bau- und Immobilienwirtschaft werden nicht umhinkommen, sich mit den künftigen Anforderungen auseinanderzusetzen. Was aber klar sein sollte: Nachhaltiges Bauen ist weder Trend noch Hexenwerk, sondern ein Zukunftsthema, das sich heute schon realisieren lässt.


Empfehlungen und Checklisten
Die DGNB hat Anfang 2019 einen Report über die Circular Economy veröffentlicht, der kostenlos über die Website des Vereins heruntergeladen werden kann. Die Publikation enthält neben Praxisbeispielen Empfehlungen und Checklisten für die umbau- und rückbaufreundliche Planung sowie für die Mehrfachnutzung von Flächen.

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