Aus Baugewerbe Unternehmermagazin 7/19

Oliver Willms,

Ivecos S-Way: Ein solider und ehrlicher Truck

Anfang Juli stellte Iveco sein neues Fernverkehr-Flaggschiff S-Way vor. Die Reihe wird auch in einer Ausführung für den Bau angeboten. Neben einem Facelift gibt es mehr Platz in der Kabine, weniger Verbrauch und neue Online-Technik. Autor Oliver Willms schildert seine Eindrücke von der ersten Testfahrt.

Ein neues Gesicht in der Baubranche: der Iveco S-Way überzeugt mit frischer Optik und über 2.000 Verbesserungen im Detail. © OWImedia

In Reichweite seines künftigen Produktionsstandortes Madrid stellt die ehemalige GP-Rennstrecke Jarama die Bühne für die Premierenkilometer am Steuer des neuen Iveco. Auch wenn es mit einem ausgeladenen 40-Tonner naturgemäß langsamer über die Runden geht, bietet der 3,3 Kilometer lange Rundkurs mit steilen Anstiegen, Gefällen und knackig engen Spitzkehren ideales Terrain, um die Fahreigenschaften zu prüfen. Denn auch unterhalb der neu gezeichneten Kabine hat sich einiges getan. Über 600 Detailänderungen haben die Ulmer Techniker in Chassis und Antriebsstrang hinein entwickelt. Das beginnt bei einem neuen Abgasreinigungsstrang für die Diesel-Triebwerke, der mit der Einführung der Euro-6-d-Norm notwendig wurde. Anstelle einer Zukauflösung setzt man hier jetzt auf eine Eigenentwicklung, die auch für künftigen Abgaslimits gewappnet ist.

LNG-Truck geht erfreulich munter zur Sache
Die Motoren selbst blieben bis auf besagte Adaptionen für die Euro-6-d-Norm dank SCR only-Abgasreinigung weitgehend unberührt. Auch die PS-Einstellungen von 300 PS im hubraumkleinsten Cursor 8 bis hin zum 570er Topmodell im Cursor 13 bleiben bestehen. Als Joker im Rennen um den grünen Lkw spielt Iveco auch im S-Way den 460 PS starken LNG-Gasmotor aus, der dank automatisierter Schaltung und Reichweiten bis 1600 Kilometer durchaus auch im Langstreckeneinsatz seinen Heimat finden kann. Auf der ausgewiesenen Kurzstrecke über den Jarama Circuit geht der leistunsgstärkste LNG-Truck auf dem europäischen Markt erfreulich munter zu Sache.

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In Punkto Antritt aus dem Stand hat der fremdgezündete Sechszylinder jedes Phlegma seiner Vorgänger abgelegt und bringt den 40-Tonnen-Zug zügig auf Tempo. Was sofort auffällt: Der an sich schon sehr leise arbeitende Gasmotor wird durch die aerodynamisch geglättete und zusätzlich isolierte Kabine kaum noch hörbar. Nur bei klarer Leistungsabfrage an einem steilen Bergaufstück meldet sich der Motor mit verhaltenem Grummeln und einem Wechsel in einen kleineren Gang. Mit der Anpassung der Motorcharakteristik an die automatisierte Schaltung hat der LNG-befeuerte Antrieb auch jeden unangenehmen Zeitversatz zwischen Gas pedaldruck und Leistungsabgabe verloren. Kurz: wenn man es nicht wüßte, würde sicher mancher Fahrer den Wechsel von Diesel auf Gas gar nicht merken.

Solide gemacht: Die mehrteilige Stahlstoßstange verträgt auch Einsätze abseits der Straße. © OWImedia

Wobei man fairer Weise dem Diesel an der Steigung etwas schnellere Gangwechselzeiten und mehr Schmalz an der Hinterachse zugestehen muss. Das wird vor allem am Steuer des 570 PS starken Topmodells deutlich, der mit routinierter Souveränität den Anstieg auf den Scheitelpunkt der Rennstrecke nimmt. Von da an geht es bergab und das recht zügig. Der Griff zum etwas klapprig wirkenden Retarder-Hebel mobilisiert die Motorbremse und den Hydroretarder, um die Schwungenergie des Sattelzuges einzufangen. Nur beim Ansteuern der engen Bremsschikane müssen die Betriebsbremsen aktiviert werden. Die Scheibenbremsen wurden im Rahmen der Umstellung von Stralis auf S-Way überarbeitet und leisten jetzt noch mehr Verzögerungsarbeit, die sich am Bremspedal feinfühlig dosieren lässt.

Um die erhöhten Bremsmomente aufzufangen, modifizierten die Ulmer Ingenieure auch das Fahrwerk. Die überarbeitete Vorderachse fängt so die Kräfte der neuen Bremse auf und leitet sie in den mit neuen Querträger ausstaffierten Leiterrahmen ein. Die Entwicklungsarbeit am Chassis summiert sich in einem Fahrgefühl, für das auch schon der Stralis bekannt war: Reinsetzen, Schlüssel drehen und ohne viel Überraschungen sofort zuhause fühlen. Wobei der Schlüssel heute einem zeitgeistig-modischen Start/Stopp-Knopf gewichen ist, mit dem Zündung und Triebwerk aktiviert werden.

Wohlbeleibte S-Way-Piloten müssen fummeln
Die Änderungen am Fahrerarbeitsplatz fallen gegenüber dem Stralis übersichtlich aus. Ins Auge fällt das neue Multifunktions-Lenkrad, das zum Fahrer hin abgeflacht ist. Allein modischer Akzent kann das nicht sein, nochzumal die von Iveco gepriesene Verbesserung des Sitzverstellbereichs im Praxistest nicht spürbar ist. Auch bei weitester Rückstellung sitzen die beiden Beine zwischen der Lenksäule, Wohlbeleibte S-Way-Piloten müssen das Lenkrad mittels fummelige Fusstastenverstellung gar in die flachste Position bringen, um den S-Way behende über die Piste zu steuern. Das Zeug dazu hat der S-Way, denn die fahraktiv-direkte Lenkung des Stralis verrichtet auch im S-Way ihren lobenswerten Dienst. Präzise, schlagfrei und ohne lästiges Spiel lässt sich der Sattelzug nicht nur auf der Rennstrecke exakt auf den Punkt hin dirigieren. Die feinfühlig, aber energisch zupackenden Bremsen tun ein Übriges, um nicht nur auf dem Rennkurs so etwas wie Fahrfreude zu empfinden.

Da mag man auch über die nur halbherzig vollzogenen Innenraumrenovierung hinwegsehen. Auch wenn das Dach höher, die Staufächer praktischer und die Schlafliege komfortabler geworden sind, blickt man doch die meiste Zeit auf die optisch fast unberührte Instrumenten- und Schalterlandschaft, die man freundlich als “bewährt” bezeichnen würde. Der Feststellbremshebel, zwar aus modisch auf Edelstahl getrimmtem Kunstoff umhüllt, sitzt dick und breit zwischen Schalterklaviatur und Klimaregelung im Armaturenbrettausleger. Eine elektronisch geregelte Handbremse, digitalisierte Instrumente oder ein größeres Info-Display als den 7-Zoll-Schirm sucht der Interessent vergebens.

So bleibt der S-Way auf seinen ersten Testrunden trotz Detailmodifikationen, App-Offensive und Fahrwerksoptimierungen ganz der Alte: Ein solider, ehrlicher Truck, der ohne viele Hightech-Gadgets zusammen mit seinem Fahrer am liebsten sofort an die Arbeit gehen möchte.

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