Aus Baugewerbe Unternehmermagazin 9\2019

Oliver Willms,

Digital an Berg und Tal

Der am Bau gut etablierte Mercedes-Benz Arocs bekommt parallel zum Straßenmodell Actros zahlreiche digitale Zutaten, um Komfort, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit zu optimieren.

Auch auf der Baustelle ist man zunehmend digital unterwegs. © Mercedes-Benz

Der Arocs legt eine typische Mercedes-Karriere hin. Vor sechs Jahren debütierte der geländetaugliche Actros-Bruder als klar für den Baueinsatz definierter Schwer-Lkw. In einer breit ausgelegten Variantenvielfalt bedient der Arocs seitdem unterschiedlichste Anforderungen. Er kommt als schwerer Kipper, gewichtsoptimierter Betonmischer, klassische Baustofftransporter, Sattelzugmaschine mit Kippauflieger oder als Spezialfahrzeug wie Schwerlastzugmaschine oder Betonpumpe an den Start. Dank der robusten Konstruktion und einer breit gefächerten Motorenpalette von 238 PS für den leichten Baustoffzulieferer bis zu 625 PS im Schwerlasteinsatz deckt der Arocs nahezu alle am Bau und Baunebengewerbe anfallenden Anforderungen ideal ab.

Die Achskonfigurationen und Antriebsarten reichen dabei vom Zweiachser von vier mal zwei bis vier mal vier, als Dreiachser von sechs mal zwei mit Nach- oder Vorlaufachse, sechs mal vier bis sechs mal sechs und als Vierachser von acht mal zwei mit Nachlaufachse, acht mal vier (auch mit Nachlaufachse) bis zu acht mal sechs oder acht mal acht. Besondere Varianten sind eingeschlossen, etwa Vierachser mit drei Hinterachsen oder Vierachser-Pritschenwagen mit einer angetriebenen und einer gelenkten Hinterachse. Im Angebot sind verschiedene Fahrerhäuser, unterschiedliche Rahmen je nach Einsatz überwiegend auf der Straße oder im Gelände, zahlreiche Radstände, Stahl- oder Luftfederung sowie drei Allradsysteme.

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Digitaler Spiegel bringt den kompletten Überblick. © Mercedes-Benz

Digitale Frischzellenkur
Trotzdem – die Digitalisierung macht auch vor der Baufahrzeugklasse nicht Halt. Im Zuge der elektronischen Aufwertung des Flaggschiffs Actros bekam auch der Arocs eine digitale Frischzellenkur in bislang ungekanntem Maße. Nahezu alle elektronische Neuerungen wie der digitale Außenspiegel, der GPS-gesteuerte Tempomat für die Landstraße, der Active Brake Assist 5 oder das digitale Cockpit mit zwei Multimedia-Bildschirmen können im Arocs auf Wunsch geordert werden. Augenfällig ist die Einführung der digitalen Spiegel-Kameras, die bei Mercedes-Benz neudeutsch Mirrorcam genannt werden. Eine kompakte digitale Kamera an einem robusten Ausleger oberhalb der Fahrer und Beifahrertüren ersetzt dabei den klassischen Rückspiegel. Das rückwärtige Bild wird hier auf zwei an den A-Säulen montierten TFT-Bildschirmen wiedergegeben, die in ihrer Hochkantform an den herkömmlichen Spiegel erinnern. Bereits nach kurzer Eingewöhnung kommt man mit der nahezu verschmutzungsfreien Kameratechnik bestens zu recht.

Praxistest erfolgreich absolviert
Die Tauglichkeit der neuen Technologie auch im rauen Baueinsatz hat Mercedes-Benz vor der Markteinführung im Praxistest beim Radolfzeller Kunden Meichle + Mohr erprobt. Das Unternehmen beliefert seine Kunden in der Bodenseeregion mit Kies, Schotter, Beton und Betonfertigteilen. Die Fahrzeuge sind fast immer voll beladen auf anspruchsvollen Streckenprofilen mit häufig kurzen Streckenabschnitten über Land unterwegs. Die Mitarbeiter von Meichle + Mohr, vom Fahrer bis zum Fuhrparkverantwortlichen, haben dabei die neue Mirrorcam das verbesserte Predictive Powertrain Control, das jetzt auch im Überlandverkehr einsetzbar ist, getestet.

Saubere Sache: schrittweise Einführung digitaler Komponenten in Baustellenfahrzeugen. © Mercedes-Benz

Die neue Mirrorcam kann im oftmals engen Baustellenverkehr sofort punkten. Der ausladende Außenspiegel fällt weg und erleichtert so dem Fahrer im Bauzulieferverkehr mit zahlreichen Abladestellen die Arbeit auf der Straße und auf beengten Baustellen die Arbeit am Steuer. Der Wegfall der großen Spiegel verbessert auch die Rundumsicht vom Fahrerplatz erheblich. Der Fahrer hat auch schräg nach vorn an den A-Säulen vorbei einen guten Blick. Auch falsch eingestellte Spiegel und die Gefahr von Toten Winkeln gehören mit der digitalen Kameratechnik der Vergangenheit an. Die Kamera richtet sich selbsttätig vor dem Fahrzeugstart optimal ein und zeigt auf dem Display aus jeder Perspektive das gleiche vollständige Bild.

Der digitale Spiegel überzeugt
Der digitale Spiegel hat Meichle + Mohr-Fahrer Felix Amann überzeugt: „Die Displays an den A-Säulen liegen so im Blickfeld, dass man einfach besser aufnehmen kann, was um das Fahrzeug herum passiert. Außerdem gibt es eine Reihe von Hilfsfunktionen. Zum Beispiel schwenkt bei meiner Sattelzugmaschine während der Kurvenfahrt das Bild des kurven inneren Displays mit und liefert mir so eine gute Sicht auf den Kippsattelauflieger. Mit der Mirrorcam ist man einfach sicherer unterwegs!“. Überdies bleiben die Spiegel beziehungsweise die Monitore auch im rauesten Einsatz immer sauber. Sollte einmal die geschützte Kameralinse tatsächlich einen Dreckspritzer abbekommen, lässt sie sich vom Fahrerplatz ohne Aussteigen einfach reinigen. Dies soll aber, so Mercedes-Benz, auch in der schlechten Jahreszeit eher die Ausnahme als die Regel sein.

Sicher unterwegs mit dem vorausschauenden Tempomaten. © Mercedes-Benz

Das Ende des Kippers gut in Sicht
Ein feines weiteres Detail: Im Einsatz an der Sattelzugmaschine haben die dafür einmal kalibrierten Kameralinsen das Aufliegerende immer im Blick. So kann man einen Kippsattel punktgenau an die Abkippkante hin manövrieren. Außer dem dafür zu entrichtenden Aufpreis spricht also alles für die Option „digitaler Spiegel“, der sich durch weniger Spiegelersatzteile vielleicht sogar einmal selbst amortisiert. Aber allein schon unter Sicherheitsaspekten ist die Mirrorcam ihr Geld wert.

Das kann man auch mit Fug und Recht von dem vorausschauenden Tempomaten Predictive Powertrain Control (PPC) behaupten, der bei allen Arocs bis auf die Betonmischerfahrgestelle serienmäßig an Bord ist. Das PPC kann seine Stärken insbesondere im Bauverkehr mit vielen, oft nur kurzen Überlandfahrten ausspielen. Hier sinkt der Verbrauch des neuen Arocs spürbar durch das PPC. Das System nutzt neben einem satellitengestützten Ortungssystem digitale Straßenkarten, die Daten über Topografie, Kurvenverläufe, geometrische Beschaffenheit von Kreuzungen und Kreisverkehren sowie Verkehrszeichen enthalten. So wählt der vorausschauende Tempomat im neuen Arocs auch im Überlandverkehr immer den richtigen Gang und die passende Geschwindigkeit, um möglichst kraftstoffsparend unterwegs zu sein.

Digitale Kamera am robusten Außenausleger. © Mercedes-Benz

Ganz entspannt über Land dank PPC
Das bestätigt auch Meichle + Mohr-Fahrer Felix Amann. Er ist den neuen Arocs mit Kippsattelauflieger mehrere Wochen auf den Landstraßen rund um den Bodensee gefahren. Seine Einschätzung: „Dank neuem Predictive Powertrain Control kann ich jetzt auch über Land entspannt mit Tempomat fahren. Das System wählt bei Kurvenfahrten, Kreuzungen und Kreisverkehren immer die richtige Geschwindigkeit. Man muss nur noch aufpassen, wer Vorfahrt hat. Auf Tempolimits oder Ortseingangsschilder kann ich einfach zurollen. Da stimmt das Tempo im Moment des Vorbeifahrens exakt.“ Nach kurzer Eingewöhnung lernt man so, dem Tempomaten zu vertrauen. Faszinierend ist die Perfektion, die das System selbst bei schwieriger Topographie unter Beweis stellt. Besser und vor allem auf lange Dauer besser kann das nicht einmal der erfahrenste alte Hase am Steuer.

Das sieht auch Roland Maier, Fuhrparkleiter bei Meichle + Mohr, so. Er sieht die wirtschaftlichen Vorteile der intelligenten Tempomat- und Getriebesteuerung: „Selbst ein extrem guter und streckenkundiger Fahrer erreicht im Überlandverkehr nicht die Verbrauchswerte des neuen Arocs mit dem verbesserten Predictive Powertrain Control.“ Überdies bietet das PPC dem Fahrer auf anstrengenden Touren eine echte Entlastung, was zur Konditionserhaltung und indirekt zur Erhöhung der Fahrsicherheit beiträgt. Auch hier gibt es einen uneingeschränkten Kaufbefehl für den neuen intelligenten Tempomat.

Systeme arbeiten vernetzt
Das teilautonome Fahren auf dafür geeigneten Straßen, also das automatisierte Lenken, Bremsen und Gasgeben, bleibt allerdings den schweren Actros-Brüdern für den Straßeneinsatz vorbehalten. Die autonome Fahrt im Actros ist faszinierend und verlangt nur noch einen aufmerksamen Fahrer, der die Fahrarbeit des Lkw überwacht. Für Baustoffzüge oder überregional verkehrende Transporte ist so der Actros eine Alternative zum Arocs als Sattelzugmaschine. Allerdings ist der Actros nur eingeschränkt tauglich für die Zufahrt zu Baustelle. Hier findet er mit dem über die Bauzeit weiter ausgereiften Arocs seinen Meister.

Sicheres Abkippen dank guter Sicht. © Mercedes-Benz

Die neuen Systeme im Arocs arbeiten überdies miteinander vernetzt. So unterstützt die Mirrorcam beispielsweise den Abbiegeassistenten, wenn dieser im Fahrzeug als Option geordert wurde. Der Abbiegeassistent überwacht über die komplette Zuglänge, ob Hindernisse im Weg stehen und kann die Schleppkurve des Anhängers vorausberechnen. Das Display der Mirrorcam zeigt alle Warnhinweise dieses Systems direkt im Blickfeld des Fahrers an. Der Abbiegeassistent kann noch mehr: Bei Lkw mit einem Rahmenüberhang von mehr als 1,5 Meter nach der letzten Achse kann der Abbiegeassistent den Fahrer jetzt auch beim Linksabbiegen unterstützen. Bei diesen Lkw besteht beim Linksabbiegen nämlich die Gefahr, dass die rechte hintere Ecke des Fahrzeugs ausschert, sodass es zu einer gefährlichen Kollision des Rahmenüberhangs mit anderen Verkehrsteilnehmern kommen kann. Im neuen Arocs jedoch warnt der Abbiegeassistent den Fahrer rechtzeitig vor einer solchen Kollision.

Auch der Notbremsassistent wurde bei der Neuauflage des Arocs weiter verfeinert: Der neue Active Brake Assist 5 kann den Lkw innerhalb der Systemgrenzen bis zum Stillstand abbremsen, wenn ein Auffahrunfall droht. Das System arbeitet noch leistungsfähiger als sein Vorgänger mit einer Kombination aus Radar- und Kamerasystem. Damit wurde unter anderem die Reaktion auf Personen im Geschwindigkeitsbereich bis 50 Stundenkilometer verbessert – ein wichtiger Sicherheitszugewinn im innerörtlichen Verkehr oder auf dem Großbauaustellenparcours.

Multimedia-Cockpit informiert über alle Zustände
Eine weitere Neuheit ist das Multimedia Cockpit, das wahlweise statt herkömmlicher Analoganzeigen und Kippschalter im Cockpit seinen Einzug finden kann. Das hochauflösende Farbdisplay ähnelt den aus den Mercedes-Pkw eingebauten Systemen und informiert über alle wesentlichen Fahr- und Betriebszustände. Die konventionellen Drucktastschalter werden durch einen zweiten Bildschirm mit Touchscreenoberfläche Über dieses Display steuert der Fahrer diverse Funktionen und kann zum Beispiel Kippmulden oder Betonmischeraufbauten bedienen. Zudem kann er sich Fahrzeugzustände wie beispielsweise den Reifendruck visualisieren lassen.

So schick das neue Display als Tasten- und Reglerersatz auch aussieht, darf man freilich eine große Verbreitung im Baueinsatz in Frage stellen. Denn gerade im Erdumschlag tragen die Fahrer oftmals Handschuhe oder haben staubige Finger, die sich zur Bedienung des hochmodernen Displays nicht ideal eignen. Eine schneller Druck auf einen konventionellen Schalter ist da wohl die gangbarere Lösung. Aber auch hier können sich in den kommenden Jahren die Gewohnheiten ebenso schnell wandeln. Wer hätte vor zwanzig Jahren, als Handschaltung und mechanischer Allradantrieb noch Stand der Dinge waren, schon an einen digitalisierten Bau-Lkw gedacht …

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